Veraltete IT bremst Prozesse – Cloud schafft Spielraum
Viele Logistikunternehmen arbeiten mit Systemen, die über Jahre gewachsen sind – meist isoliert, wenig integriert, schwer wartbar. Medienbrüche, doppelte Eingaben, fehlender Datenfluss: Das ist Alltag in vielen Betrieben.
Dass die Cloud ein Ausweg sein kann, zeigt der Blick auf die Gesamtwirtschaft: Laut Bitkom nutzen 81 % der deutschen Unternehmen bereits Cloudlösungen – Tendenz weiter steigend. In der Logistikbranche hinkt die Nutzung als echter Digitalisierungshebel jedoch noch hinterher. [2] Im 19. Hermes-Barometer (Dezember 2023) äußern 70 %, dass digitale Supply-Chain-Visibility die Lieferqualität steigert; nur 20 % verfügen laut Umfrage bereits über eine digitale Echtzeit-Lieferkette. [3]
Die Botschaft ist klar: Cloud ist kein weiteres IT-Tool, sondern die Basis für vernetzte, flexible und automatisierte Prozesse. Aber sie entfaltet ihren Nutzen nur dann, wenn man bereit ist, die eigenen Abläufe konsequent neu zu denken – und nicht nur Software zu ersetzen.
Der Schritt in die Cloud verändert nicht nur das "Wo" der Daten, sondern das "Wie" der Arbeit:
- Echtzeit-Transformation: Wer Zugriff auf Echtzeitdaten will, muss Prozesse in Echtzeit denken. Cloud-Lösungen ermöglichen es Unternehmen, schneller auf Marktveränderungen zu reagieren und komplexe logistische Herausforderungen effizient zu bewältigen.
- Modulare Systemarchitekturen: Wer Systeme modularisieren will, muss Verantwortlichkeiten klären. Moderne Cloud-Architekturen brechen monolithische Strukturen auf und setzen stattdessen auf offene Schnittstellen, einfache Konfigurationsmöglichkeiten und KI-gestützte Prozesse.
- Intelligente Verfügbarkeit: Wer Verfügbarkeit will, muss Integrationen neu gestalten - technisch und organisatorisch. Die integrierte Datenstruktur bricht Silos auf und fördert eine durchgängige Transparenz über die gesamte Lieferkette.
Die Erfahrung in der Beratung zeigt: Der Cloud-Umstieg ist weniger ein IT-Projekt - und mehr ein Strukturprojekt
Wer den Umstieg in die Cloud richtig aufsetzt, löst nebenbei gleich mehrere Probleme:
- Silos werden aufgelöst: Ein weiterer Logistik Trend in 2024 geht dahin, Silos abzubauen, um unter anderem den Informationsfluss zu verbessern, IT-Kosten zu reduzieren und die Supply Chain-Workflows zu optimieren.
- Abläufe werden dokumentiert (oft zum ersten Mal systematisch)
- Verantwortungen werden geklärt
- Datenflüsse werden sichtbar und automatisierbar
- Die Kostendimension werden richtig verstanden:
- Durch die gemeinsame Nutzung von IT-Ressourcen und Infrastruktur realisieren Unternehmen entscheidende Einsparungen. Insbesondere das Multi-Tenant-Modell ermöglicht es Unternehmen, ihre finanziellen Aufwendungen signifikant zu reduzieren, da sie nur für die Kapazitäten zahlen, die sie tatsächlich benötigen.
- Jedoch gibt es versteckte Kostenfallen. Studien und Befragungen von Cloudexperten weisen darauf hin, dass mehr als ein Drittel der Ausgaben für solche Cloud-Leistungen anfallen, die vom Unternehmen entweder überhaupt nicht oder nicht in vollem Umfang genutzt werden. [4]
Sicherheit und Compliance: Neue Standards für kritische Infrastrukturen
Die Logistikbranche unterliegt besonderen Sicherheitsanforderungen. Durch die Einführung des IT-Sicherheitsgesetztes 2015 wurden einzelne Branchen, u.a. Nahrungsmittelproduktion, Logistik und Energie als besonders schützenswerte Infrastrukturen deklariert.
- DSGVO und Cloud-Compliance: Cloud-Anbieter sind verpflichtet, die Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO) einzuhalten, wenn sie in Europa ansässig sind oder Geschäftsbeziehungen mit Unternehmen in der EU pflegen. Mit der neuen NIS2-Richtlinie kommen ab 2024 zusätzliche Anforderungen auf Logistikunternehmen zu.
- Risikomanagement in der Cloud: Ein besonderes Risiko stellt in vielen Fällen der Zugang via Smartphone dar. Werden die Zugangsdaten in der App des Dienstes gespeichert, genügt ein bloßes Aufrufen der App, um auf die Cloud zuzugreifen. Daher ist eine Zwei-Faktor-Authentisierung unerlässlich.
Aktuelle Trends und Zukunftstechnologien: Was 2025 die Logistik prägt
- Künstliche Intelligenz als Game-Changer: Künstliche Intelligenz optimiert Routenplanung und Lagerverwaltung, wodurch Effizienz gesteigert und Kosten gesenkt werden. Das Internet der Dinge ermöglicht Echtzeit-Tracking von Waren, was nicht nur die Transparenz, sondern auch die Sicherheit der Lieferkette verbessert.
- Edge Computing revolutioniert die Datenverarbeitung: Edge Computing lässt jetzt und in Zukunft immer größere Datenmengen entstehen, die direkt vor Ort durch Edge Computing im Unternehmen verarbeitet werden müssen. Es ist schlichtweg nicht praktikabel, solche Datenmengen über das Internet an entfernte Cloud Computing-Rechenzentren zu senden.
- Nachhaltigkeit durch Cloud-Technologie: Durch die zentralisierte Datenverarbeitung in Cloud-Rechenzentren, die in der Regel nach den neuesten Energieeffizienzstandards gebaut und betrieben werden, können Unternehmen ihren Energieverbrauch und CO2-Ausstoß signifikant reduzieren.
Wie geht das konkret: Der praxiserprobte 5-Stufen-Ansatz
1. Anforderungsanalyse aus Sicht der Nutzer, nicht der Technik
- Geschäftsprozesse verstehen, bevor Technologie implementiert wird
- Stakeholder-Interviews und Workflow-Mapping
- Definition von Erfolgsmetriken
2. Strukturierung bestehender Systeme, Schnittstellen und Abhängigkeiten
- Legacy-System-Analyse und Dokumentation
- Datenfluss-Mapping und Integrationspunkte identifizieren
Wichtig ist es daher, vorab anhand der Laufzeiten die Gesamtkosten solcher On-Premise-Verträge zu klären, die parallel zum Cloud-Betrieb auflaufen.
3. Cloudfähigkeit prüfen -- nicht nur technisch, sondern prozessual und kulturell
- Organisatorische Readiness-Bewertung
- Change-Management-Strategien entwickeln
- Compliance- und Sicherheitsanforderungen definieren
4. Einführung in Etappen: skalierbar, testbar, rückholbar
- Pilotprojekte mit schnellen Erfolgen
Für den Einstieg in die Digitalisierung empfiehlt es sich, mit überschaubaren Softwareprojekten zu beginnen, um schnell Feedback zu erhalten und beständig an Lösungen zu arbeiten. Empfohlen wird eine tufenweise Skalierung basierend auf Lernerfahrungen.
5. Wirklich digital denken: Weniger Migration, mehr Transformation
- Geschäftsmodell-Innovation durch Cloud-Möglichkeiten
- Neue Service-Angebote entwickeln
- Kontinuierliche Optimierung und Anpassung
Erfolgsbeispiele aus der Praxis: Was wirklich funktioniert
- Echtzeit-Transparenz in globalen Lieferketten: Ein global operierender Elektronikhersteller konnte durch Echtzeit-Tracking seine Lieferzeiten um 15% reduzieren und die Kundenzufriedenheit um 20% steigern. [5]
- Kosteneinsparungen durch nachhaltige Cloud-Strategien: Ein Logistikdienstleister konnte durch die Umstellung auf eine elektrische Flotte den Kraftstoffverbrauch um 30% senken, was zu erheblichen Kosteneinsparungen führte. [6]
- Blockchain und IoT für Produktverfolgung: Ein Lebensmittelproduzent nutzt IoT-Sensoren zur Überwachung der Frische seiner Produkte und Blockchain zur Dokumentation jedes Schritts im Lieferprozess, was Endkunden ermöglicht, die gesamte Geschichte eines Produkts zu verfolgen. [7]
Die kritischen Erfolgsfaktoren für 2025 und darüber hinaus
- Resilienz als oberste Priorität: Betrachtet man die wesentlichen Aspekte aller Prognosen, stehen Attribute wie „Anpassungsfähigkeit", „Agilität", „Flexibilität" und „Reaktionsfähigkeit" im Fokus. Sie alle sind Bestandteile des wohl wichtigsten Trends für das Jahr 2024, der Resilienz.
- Fachkräftemangel durch Automatisierung bewältigen: Eher unbegründet ist heute die Sorge, dass die Digitalisierung viele Jobs wegnehmen würde. Stattdessen überwiegen auch in der Logistik die Vorteile bei der Bewältigung des Fachkräftemangels.
- Cybersecurity als geschäftskritischer Faktor: Von Cyber-Angriffen sind nicht nur Privatpersonen, sondern auch Unternehmen betroffen. Laut einer Studie von Bitkom waren von August 2023 bis August 2024 81 Prozent aller Unternehmen vom physischem sowie digitalem Diebstahl als auch von Industriespionage oder Sabotage betroffen. [8]
Blick in die Zukunft: Was uns erwartet
Die Cloud-Evolution in der Logistik steht erst am Anfang. Mit der weiteren Entwicklung und Integration von Künstlicher Intelligenz und dem Internet der Dinge werden Cloud-Plattformen zunehmend in der Lage sein, immer komplexere Datenmengen zu analysieren und in Handlungsempfehlungen umzuwandeln.
- Machine Customers revolutionieren B2B-Geschäfte: Laut Gartner wird diese Entwicklung in den kommenden Jahren einen großen Einfluss auf Handel und Industrie haben. Das Technologieberatungsunternehmen prognostiziert, dass bis 2028 maschinelle Kunden 20 % der von Menschen lesbaren digitalen Schaufenster überflüssig gemacht haben werden. [9]
- Standardisierung als Schlüssel zum Erfolg: Einheitliche Standards spielen 2024 in der Logistik eine immer größere Rolle. Die Non-Profit-Organisation Open Logistics Foundation widmet sich dem übergeordneten Ziel, die drängendsten existierenden Probleme der Logistik- und Supply-Chain-Management(SCM)-Community mit einheitlichen Standards, Tools und Services auf Open-Source-Basis zu lösen.
Fazit: Cloud ist nicht das Ziel - sondern der Weg
Die Cloud ist der Weg zu einer resilienteren, beweglicheren und effizienteren Logistik. Aber nur, wenn man sie nicht als weiteres IT-Projekt, sondern als strategische Neuausrichtung begreift.
Die Entscheidung ist heute dringlicher denn je. Die digitale Transformation ist keine Zukunftsvision mehr, sondern eine unmittelbare Notwendigkeit. Unternehmen müssen jetzt handeln, um nicht den Anschluss zu verlieren. Cloudlösungen lösen keine Probleme. Aber sie schaffen die Voraussetzungen dafür, sie neu und besser zu lösen.
Die Logistikbranche steht an einem Wendepunkt. Wer heute die richtigen Weichen stellt, wird morgen die Infrastruktur besitzen, um in einer zunehmend vernetzten und datengetriebenen Welt erfolgreich zu agieren. Die Cloud ist dabei nicht nur Enabler, sondern der Schlüssel zu völlig neuen Geschäftsmodellen und Wertschöpfungsketten.
Lass Sie sich dabei professionell begleiten -- von der Standortbestimmung bis zur Umsetzung.
Literaturverzeichnis:
[1] https://www.precedenceresearch.com/cloud-logistics-market
[2] https://kpmg.com/de/de/home/insights/2023/09/cloud-monitor-2023.html
[3] https://newsroom.hermesworld.com/19-hermes-barometer-hermes-barometer-zur-transparenz-in-der-supply-chain-digitale-technologien-von-entscheidender-bedeutung-28215/
[4] https://www.usu.com/de/blog/cloud-kosten-reduzieren-ein-insidergespr%C3%A4ch
[5] https://www.unisco.com/logistics/real-time-tracking-and-monitoring
[6] https://www.unisco.com/logistics/freight-management
[7] https://resources.sw.siemens.com/en-US/white-paper-food-beverage-traceability-blockchain/
[8] https://www.bitkom.org/Presse/Presseinformation/Angriffe-auf-die-deutsche-Wirtschaft-nehmen-zu
[9] https://www.mecalux.de/blog/logistiktrends-2024
Zur Person: Holger Biernat M.A. ist Geschäftsführer der BARRUS Consulting GmbH (https://www.barrus.de). Als Master of Finance and Banking berät er Unternehmen in Krisen in Sachen Strategie, Digitalisierung und KI. |